Interview mit Dr. Frank Pries, Orthopäde und Unfallchirurg in Kronshagen und seit 1996 einer der beiden Mannschaftsärzte des deutschen Rekordmeisters, vielfachen Pokalsiegers und Champions-League-Sieger 2007 THW Kiel.
Erschienen im "Nordlicht", Zeitschrift der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, Nr.040508
Nordlicht: Sie sind zusammen mit Dr. Detlev Brandecker Mannschaftsarzt beim THW Kiel. Wie sieht die Arbeitsteilung zwischen ihnen aus?
Dr. Frank Pries: Wir teilen unsere speziellen Arbeitsschwerpunkte sehr gut auf. Detlev übernimmt die Versorgung der Spieler direkt vor Ort und ist der eigentliche Mannschaftsarzt des THW im klassischen Sinn. Er ist noch etwas näher an der Mannschaft dran, weil er für die allgemeinärztlichen und sportärztlichen Dinge verantwortlich ist. Außer der Anwesenheit bei den Spielen besucht jeder von uns die Mannschaft einmal wöchentlich beim Training. Wenn es um schwerere Verletzungen geht, die als Arbeitsunfälle über die Berufsgenossenschaft laufen, bin ich aufgrund meiner DArzt-Zulassung der richtige Ansprechpartner für die Spieler. In den vergangenen Jahren habe ich über 50 Operationen bei Spielern der Mannschaft durchgeführt.
Nordlicht: Wo liegen denn Ihre Spezialgebiete?
Pries: Sie liegen in der rekonstruktiven Gelenkchirurgie, dem Bereich, in dem die meisten Verletzungen bei Handballern auftreten und in der Sportunfallchirurgie, d. h. in der Versorgung von direkten Verletzungen durch Leistungssport. Daneben behandle ich häufig Arthroseerscheinungen, die als Spätfolgen nach jahrelangen Belastungen oder Unfällen auftreten, und dies zunehmend bei noch relativ jungen Spielern. Gerade im Handball-Leistungssport ist die Belastung eben sehr hoch. Die Spieler haben bereits Verschleißerscheinungen, die normalerweise erst im Alter auftreten. So ist zum Beispiel die so genannte „Werferschulter“ eine sehr bekannte krankhafte Veränderung bei Handballern, die oft zu Problemen führt. Aber auch Ellenbogenveränderungen durch die ständigen Stöße auf den Arm und natürlich das Knie und das Sprunggelenk sind gefährdet.
Nordlicht: Der Spielplan der Handballer platzt aus allen Nähten. Bei der EM in Norwegen mussten die Spieler teilweise acht Spiele in zwölf Tagen absolvieren. Wir beurteilen Sie als Arzt diese Belastung? Ist das nicht ein unzumutbares Risiko?
Pries: Das ist natürlich zu viel und ich bin sehr froh, dass die internationalen Verbände reagiert haben und nun eine Entzerrung der großen Turniere vornehmen wollen. Das ist zwar noch nicht in den Gremien verabschiedet worden, aber man plant, dass die WM im Wechsel mit der EM nur noch alle vier Jahre stattfinden soll und nicht mehr alle zwei Jahre wie bisher. Die großen Turniere sollen außerdem nicht mehr in die Mitte der Saison gelegt werden, wo die Spieler eigentlich eine Pause benötigen, sondern ans Saisonende.
Nordlicht: Der THW Kiel tanzt ja auf vielen Hochzeiten. Werden die Spieler nicht zu Opfern ihres eigenen Erfolges, was Verletzungen angeht?
Pries: Absolut. Die Medien interessieren sich immer mehr für Handball, das Interesse wächst seit Jahren. Damit wird neben einer Gehaltsspirale auch eine Aufgabenspirale für die Spitzenspieler in Bewegung gesetzt, unter der die Gesundheit der Spieler zwangsläufig leiden muss. Das ist gerade bei Spitzenmannschaften wie dem THW der Fall, denn hier spielen ja fast nur Nationalspieler, die diese zusätzliche Belastung dann auch noch verkraften müssen. Die Spieler, die sehr viel Geld verdienen, bezahlen das dann ein Stück weit auch mit ihrer Gesundheit.
Nordlicht:Wie sieht denn momentan die Verletztenliste beim THW Kiel aus? Im Moment sind wir sehr zufrieden.
Pries: Wir haben bis auf Christian Zeitz, der unter einer Werferschulter leidet und außerdem im letzten Jahr eine Verletzung an der gleichen Schulter nicht richtig auskuriert hat, alle an Bord. Im Fall Zeitz kommen Überlastung und Verletzung zusammen und er wird deshalb sechs Wochen pausieren (Anmerk. der Redaktion: Zeitz ist seit Ende April wieder einsatzbereit).
Nordlicht: Welchen Einfluss haben Sie als Mannschaftsarzt überhaupt darauf, ob ein Spieler eingesetzt wird oder nicht?
Pries: Wenn es medizinisch nicht vertretbar ist, dann wird der Trainer informiert. In Noka Serdarusic haben wir da einen absolut erfahrenen und kooperativen Trainer, der keinen Spieler einsetzt, wenn der irgendetwas hat. Kurz vor einem wichtigen Spiel gehen die Spieler schon mal über ihre Leistungsgrenze hinaus. Das müssen auch wir Ärzte akzeptieren, das ist bei Leistungssportlern eben so.
Nordlicht: Können sich Spieler überhaupt irgendwie vor Verletzungen schützen?
Pries: Natürlich. Detlev Brandecker und ich haben ein spezielles Präventionsprogramm entwickelt, um Spieler vor Verletzungen zu bewahren. Dazu gehören neben einer genauen Eingangsuntersuchung regelmäßige Routine-Untersuchungen, ein spezielles Fitness-Training und Vorträge über gesunde Ernährung. Wir schauen natürlich auch beim Training darauf, ob Spieler gut laufen und fit sind, und entscheiden dann mit dem Trainer, dass Spieler, die z. B. erkältet oder verletzt sind, entsprechend zurückgenommen werden.
Nordlicht: Was war Ihr schönster Moment als THW-Fan?
Pries: Wenn ich mein Handy einschalte, erscheint ein Foto von der Siegerehrung im Champions-League-Finale im letzten Jahr. Das war ein unglaublicher Moment – für mich genauso, als wenn ein Spieler nach langer Verletzung das erste Mal wieder aufläuft.
Nordlicht: Holt der THW Kiel in diesem Jahr wieder das Triple, also Champions-League, Meisterschaft und Pokal?
Pries: Abwarten. Ich glaube, dass der THW nach dem erneuten Einzug ins Finale der Champions-League dort gegen Ciudad Real auch gewinnen kann. Technisch haben wir sicher die stärkste THW-Mannschaft, die es je gegeben hat. Die deutsche Meisterschaft zu gewinnen, wird da schon schwieriger. Die Konkurrenten von der SG Flensburg-Handewitt sind gleichwertig und haben den vielleicht entscheidenden Vorteil, dass sie eben nicht mehr auf so vielen Hochzeiten tanzen müssen wie der THW.
DAS INTERVIEW FÜHRTE JAKOB WILDER, KVSH